Der US-Amerikaner

In den letzten knapp 7 Wochen sind wir dem ein oder anderen Einheimischen begegnet und haben natürlich wieder ganz genau hingesehen, was ihn so ausmacht, den Amerikaner.
Fangen wir mit dem bekanntesten Vorurteil an – alles ist groß: das Land, die Straßen, die Autos. Ja es stimmt, siehe auch den „großen Eintrag“. Auch die Getränke sind hier riesig – vermutlich trinkt der Amerikaner im Durchschnitt täglich mehr als genügend. Auch im Restaurant wird meist kostenloses Wasser gereicht. Leider schmeckt das Leitungswasser jedoch meist nach Chlor 😐 Dafür ist in jeglicher Art Getränk immer ganz viel Eis drin, obwohl es schon eiskalt aus der Zapfanlage kommt. Apropos Restaurant – hier wird man ja zum Tisch gebracht „Wait to be seated“ heißt das Stichwort. Nur leider haben es die Kellner nicht drauf … Wenn man nicht selbst darum bittet, sitzt man schnell am ungünstigsten Tisch, ohne Blick in die Natur und direkt neben anderen besetzten Tischen. Das hat sicherlich einen nützlichen Hintergrund – immer den schönsten Tisch zu vergeben scheint es jedoch nicht zu sein. Hat man dann bestellt geht es meist ratzifatzi – wer, wie wir, mit einem ungeduldigen, hungrigen Sohnemann reist, kann das nur gut heißen. Aber genauso schnell kommt dann die Rechnung. Der Burger ist gerade mal zur Hälfte gegessen da kommt die Frage nach einem Dessert. Wird diese verneint, liegt schon die Rechnung auf dem Tisch – fast immer mit dem Hinweis, dass man sich nicht gehetzt fühlen soll :S Naja, wir sind ja 1. schnelle Esser und sind 2. nach dem Essen fertig, sodass es OK ist, aber etwas dezenter rausgeschmissen zu werden, wär trotzdem nett 😉 Günstigerweise essen auch die Amerikaner eher zeitig, sodass wir mit unserem hungrigen Flori Drei viertel zwölf nicht die ersten beim Lunch im Restaurant sind – im Gegenteil, manchmal sind andere schon fertig ;D Doch auch hier gibt es Ausnahmen, als wir kürzlich 3 vor 12 ins Restaurant kamen, wurden wir mit dem Hinweis begrüßt, dass erst ab 12 geöffnet sei… Wir durften uns trotzdem schon mal setzen.
Allgemein nehmen es die Amerikaner sehr genau. Im Sequoia Nationalpark wurden z.B. nach den Bauarbeiten die Nadeln der Bäume wieder akkurat am Straßenrand drapiert ;D Dafür hat man uns Autofahrer nur einspurig mit Wartezeit an der „Baustelle“ vorbeigeführt – der Amerikaner ist sehr verständnisvoll. Allerdings kennt es keinen Spaß, wenn es um seine Flagge geht. „Stars and Strips“ ist heilig und hängt an allen möglichen Orten in jeder Lebenslage. Je größer, desto besser versteht sich 😉 Fällt eine Flagge zu Boden, muss sie verbrannt werden, aber nur von autorisierten Personen (z.B. Pfadfinder?). Auch gefaltet wird sie in einer ganz bestimmten Art und Weise, wenn sie nicht gerade am Mast hängt.
Es scheint, als wenn der Hamburger ein Nationalgericht wäre. Neben den bekannten Bratern wie McDonald’s und Burger King, gibt es hier noch dutzende andere Ketten. Und jedes Restaurant bereitet zur Mittagszeit Burger. Neben Burgern gibt es auch Sandwiches, Tacos, Hähnchen oder Mac&Cheese in den verschiedensten Variationen und oft zahlreich vor Ort. Will der Einheimische kein Fastfood, muss auch er einkaufen gehen. Lebensmittel sind hier allerdings sehr teuer. Dafür gibt es dann aber in einigen Supermarkt-Ketten Club-Karten (wie Payback), die einen direkten Rabatt mit sich bringen. Die Karte haben wir uns dann natürlich auch gleich mal besorgt – kostet nichts und spart ca. 10% echte Dollar pro Einkauf. Einkaufen und bezahlen sind hier auch zwei Paar Schuhe. Meist sind die Preise ohne Mehrwertsteuer ausgewiesen. Diese kommt dann erst an der Kasse drauf. Vorher durchrechnen scheitert also meist. Einen Sinn darin haben wir nicht erkannt – wir vergleichen selten die Nettopreise zwischen verschiedenen Staaten, um uns für den Kauf zu entscheiden. Die Mehrwertsteuer ist übrigens überall anders – mindestens zwischen den Staaten, wenn nicht sogar zwischen den Counties. Am Ende wird der gesamte Einkauf dann aber meistens in kleine Plastiktüten verpackt. Da hilft meist die Kassiererin und ist sehr großzügig mit den Tüten. Die Gallone Saft kommt nur allein in gleich 2 Tüten, eine könnte ja reißen. Aber auch hier gibt es Vorstöße in vereinzelten Ortschaften, das zu reduzieren – da gibt es dann nur Papier- oder Mehrwegtüten gegen einen Aufpreis.
Hier wird alles anders bemessen, statt Kilometer fährt man hier Meilen, statt Liter trinkt man entweder Gallonen oder fl. Oz., statt Meter ist man Feet und Inch groß und erfrieren tut man hier schon bei 34 Grad – Fahrenheit. Wer genauer hinschaut, sieht jedoch den metrischen Einfluss der Globalisierung: Kleine Wasserflaschen fassen einen halben Liter und Limonaden gibt es in der 2l-Flasche zu kaufen 😉
Allgemein ist festzustellen, dass der Amerikaner ein umgänglicher, rücksichtsvoller Mensch ist. Wohin man schaut, wird auf die Schwachen und Kleinen acht gegeben. Behindertenparkplätze befinden sich vom Strand bis zum Wanderweg, mit Rampen, Rollstuhlangelplätzen und -ferngläsern. Im Restaurant gibt’s gleich was zu Malen und Kinderstühle haben noch nie gefehlt. Nur bei Eintrittgeldern kennt der Kapitalist wenig Gnade. Natürlich kommt man mit Kindern an der Hand schnell ins Gespräch mit Einheimischen. Der Amerikaner ist ja Weltmeister im Smalltalk. Und so zeigt sich auch, dass die U.S.A. sehr eng mit Deutschland verbunden sind. Jeder mit dem man spricht hat entweder
– Wurzeln in Deutschland (x-Generationen her),
– Freunde in Deutschland (z.B. Berlin oder München),
– kennt jemanden aus Deutschland (z.B. der Square-Dance-Teacher),
– war schon mal in Deutschland (z.B. In Augsburg [warum um alles in der Welt ist man in Augsburg, wenn man in Deutschland ist?! – nichts gegen Augsburg, aber gibt es da nicht andere Hotspots?]),
– ist beim letzten Europa-Trip nach Finnland in Frankfurt umgestiegen ?!? oder
– spricht 1-2 Worte Deutsch.
Und wenn er mit keinem der obigen Argumente aufwarten kann, dann hatte er sich vorher schon gedacht, dass wir deutsch sind. Das passiert übrigens ziemlich häufig – haben wir das auf der Stirn tätowiert? 😉 Naja, nun ist unser Akzent schon anders als der Spanische oder Französische. Überhaupt sind wir hier in guter Gesellschaft. Hier so nah an Mexiko und dem Haupteinfallstor für die Asiaten spricht eigentlich fast niemand Akzentfrei – die U.S.A. sind eben ein Schmelztiegel der Kulturen! Einzig die „Indianer“ waren schon immer hier. Doch das hat ihnen bei der Besiedlung durch die Europäer wenig geholfen. Zwar haben sie heute ihre Reservate, in denen sie fast ausschließlich unter ihrer gleichen wohnen, doch sind das nicht gerade die Filet-Stücke des Kontinents. Früher lebten sie natürlich auch an der Küste, aber das Land wollte die Wirtschaft lieber für sich behalten. Vermutlich ist dieses karge Indianer-Land auch der Grund dafür, dass aus unserer Perspektive die Native Americans zur unteren Gesellschaftsschicht gehören. Ihre Hütten sehen eher nach Bruchbuden aus, billiges Fastfood bei McDonald’s ist stark gefragt und damit sind sie eher beleibter als der durchtrainierte Büro-Arbeiter. Wenn es um Eintrittsgelder geht, langen sie ordentlich in die Taschen – vermutlich am Ende zu ihrem eigenen Nachteil, weil dadurch sicherlich Besucher abgeschreckt werden 😐
Auf jeden Fall liebt dieser Schmelztiegel sein Land. So sehr, dass alles schöne bewahrt wird. Es gibt National Parks, State Parks, Regional Parks, County Parks, City Parks, State Beaches, National Forrests, National Monuments und vielleicht sogar noch mehr. Sowas sollten wir in Deutschland auch mal stärker forcieren. Überall gibt es dann meist Campingplätze, Wanderrouten und Ranger, die sich auskennen.
Außerdem sind dies meist Orte der Ruhe – zumindest so lange, bis morgens der Betonmischer kommt. Im Rest des Landes geht es eher laut zu – da kommt morgens um 6 die Müllabfuhr auf den Campingplatz, wohnt man direkt neben der Autobahn oder den Bahngleisen (da hupt der Amtrac an jedem Bahnübergang lauthals) oder am besten gleich zwischen beiden. Und wenn’s dann doch mal ruhiger zugeht, wird der Generator angeschmissen.
Auf dem Stillen Örtchen ist es dann doch meistens ruhiger. Aber überzeugt vom Örtchen ist man scheinbar nicht. Hier entleert man sich ja in wassergefüllte Toilettenschüsseln, doch steht der Pümpel (Saugglocke) sehr oft gleich daneben bereit. Wir haben auch gehört, dass die entsprechende Fachabteilung im Baumarkt ein umfassendes Angebot haben soll, um den Abfluss wieder frei zu bekommen ;D
Um nicht mit solch einem sch*** Thema abzuschließen, bleibt noch die Geduld am Ende. Der Amerikaner hat das Schlange stehen vom Engländer gelernt. Ob an der Baustelle, im Stau, an der Fähre oder am vollen Restaurant – anstehen ist eine Tugend – und wenn es noch so lange dauert, es wird sich keiner Beschweren oder vordrängeln!
So haben wir sie kennengelernt, die Einheimischen, die Amerikaner, die verschiedensten Kulturen. Wir fühlten uns gut aufgehoben, haben die Eigenheiten genossen und in seltenen Fällen auch mal zu unserem Vorteil (aus-)genutzt 😉

2 Kommentare

  1. Kathi

    Also bitte nichts gegen Augsburg! Die Fuggerstadt bietet noch ürsprüngliche Tradition und zusätzlich bayrische Schmackerl wieß a gescheite Weißwurscht und a Mass im Dirndl serviert … und das braucht halt der Amerikaner 🙂

  2. Angela Böhme

    Hallo ihr vier,

    na da gab es ja heute viel zu lesen. Hatte es schon ein bisschen vermisst die Beiträge über“ Land und Leute und überhaupt“.