Wir sind nun schon weit über 3000 Meilen auf Amerikas Straßen unterwegs, da wird es mal Zeit über das Auto fahren hier zu schreiben. Grundsätzlich können wir uns glücklich schätzen, dass hier alles etwas größer ist und dementsprechend auch die Straßen meist genügend Platz für unseren großen Straßenkreuzer bieten. Im Vergleich zu z.B. Neuseeland ist das bei dem höheren Verkehrsaufkommen nur gut für die Nerven 😉
Warum ist das Verkehrsaufkommen hier so hoch? Zunächst einmal wohnen hier eine Menge Leute (zur Erinnerung: in Neuseeland gab’s 10mal mehr Schafe als Einwohner). Dann ist das Land und die Entfernungen sehr groß und die Öffentlichen selten so gut organisiert wie bei uns. Kurzum, jeder fährt Auto. Und das ist zu solch einem Luxus geworden, dass der Amerikaner überall hin mit dem Auto fährt (in ländlichen Gebieten natürlich stärker als in Städten). Auf Campingplätzen haben wir schon Bewohner gesehen, die mit einem kleinen Auto vom Wohnwagen zum Müll fuhren auch an den Duschen gibt’s hin-und-wieder Parkplätze. Als Folge dessen gibt es überall große Parkplätze, was unserem großen Wohnmobil natürlich zu Gute kommt. Im Allgemeinen parkt der Amerikaner übrigens vorwärts ein – immer und überall – warum auch immer.
Wenn es um Sachen des täglichen Bedarfs geht, ist man auch schnell mit dem Auto vorbeigefahren – „Drive through“ (bei uns bekannt als „Drive-In“) gibt es nicht nur beim Fastfood, sondern auch beim Briefkasten, der Apotheke oder für den Geldautomat 😯
Und weil es in den Großstädten besonders voll ist, gibt es hier „Car Pool Lanes“ – Fahrgemeinschaftsspuren. Entweder nur gültig in der Rushhour für die entsprechende Richtung oder auch dauerhaft. Fahrgemeinschaft bedeutet, dass mindestens 2 Personen im Auto sitzen müssen. Also hatten wir in L.A. auch gleich mal die Chance genutzt, im Stau schneller voran-/ vorbeizukommen ;D Ist man auf dem Weg zur Arbeit jedoch allein und möchte die Spur trotzdem nutzen, gibt es beschilderte Treffpunkte, ähnlich wie Bushaltestellen, an denen man andere Pendler mitnehmen kann. Das Fahren im Stau kennt jeder, ist meist sehr anstrengend mit einem Schaltgetriebe, daher gibt es hier meist nur Automatik-Autos. Für Mathias sehr angenehm, so kann er sich auf den Verkehr konzentrieren 😉
Das Fahren selbst ist nicht groß anders als bei uns. Zwar sind die Schilder hier ein wenig anders, meist gelb, detailliert gemalt oder gern auch voller Text, den man dann möglichst in rasanter Vorbeifahrt lesen soll. Wobei rasant ja auch relativ ist, in den meisten Fällen darf man auf dem Highway (Landstraße) 55mph (Meilen pro Stunde =88,5km/h), manchmal auch 65mph (=104,5km/h) fahren. Auf den Freeways (meist mehrspurige Landstraße mit Mittelstreifen) bzw. Interstates (Autobahn) meist 65mph aber manchmal auch 70mph (=112,7km/h), selten 75mph (=120,7km/h). Es soll wohl auch Pilotstrecken geben, auf denen 80mph (=128,7km/h) gefahren werden darf. Laut Info von Judy am Anfang sollen die niedrigen Geschwindigkeiten wohl der Sicherheit dienen und wurde zu Zeiten der Ölkrise auf generell 55mph gesenkt. Als eh alle 65mph fuhren, hat man dann schrittweise das Tempolimit wieder erhöht. Mit der Sicherheit ist es spätestens in den Städten vorbei – hier darf meist zwischen 35mph und 45mph (56,3km/h – 72,4km/h) gefahren werden, was dann doch wieder ganz schön flott ist.
Und wenn Fahrradfahrer in abgelegenen Gebieten mit auf der Autobahn radeln dürfen, sind auch 65mph ganz schön schnell… Außerdem darf man hier auch auf der Autobahn rechts überholen – Spurtreue ist somit von Vorteil. Nur nicht zu weit rechts, weil die rechte Spur in häufiger Regelmäßigkeit als Ausfahrt abführt oder endet, sodass man sich dann links einsortieren muss. Abfahrten von den Autobahnen befinden sich meist auf der rechten Seite, aber eben nicht immer – manchmal geht’s auch links ab. Wir hatten es einmal auf dem Highway 1 – einen Grund haben wir dafür nicht erkannt. Autobahnkreuze sind hier besonders in den Städten auch mal etwas größer und als Hochgeschwindigkeitsstrecken ausgelegt, also keine engen Kurven, sondern langgestreckte Brücken auf mehreren Ebenen für alle möglichen Richtungen. Wenn es der Platz hergibt, haben Autobahnen links und rechts einen Standstreifen für Notfälle.
Die Amerikaner kennen leider kein Rechts-vor-Links. Wer zuerst da war, darf zuerst fahren. So gibt es recht oft „4-Way Stops“: Alle Richtungen müssen erst einmal stoppen, anschließend nach der Reihenfolge des Ankommens weiterfahren, egal ob man links, rechts oder gar nicht abbiegt. An sich nicht so schlecht, nur bei etwas mehr Verkehr wird das ganz schnell zum Verkehrshindernis.
Dafür darf man fast immer bei roter Ampel rechts abbiegen.
Aus einem unerfindlichen Grund muss der amerikanische Autofahrer auch an jeder Rechtsabbiegespur erinnert werden, dass er von dieser Spur auch wirklich nur rechts abbiegen darf. Als wenn Spurenführung und Pfeile nicht schon genug Aussage wären, nein da braucht es noch ein weiteres Prosa-Schild. Und all das hält den hiesigen Autofahrer doch nicht davon ab, im Falle des Falschfahrens noch schnell nach Links zu ziehen, gern auch im Autobahnkreuz, wenn die Spuren schon längst abgezweigt sind 😉
Dabei ist der Amerikaner eigentlich ein sehr rücksichtsvoller und geduldiger Autofahrer. Einen hupenden Autofahrer bekommt man äußerst selten zu Gesicht. Wir haben ja gleich zu Beginn unser Reise gelernt, dass Anstellen und Warten Tugenden zu sein scheinen. In Situation, wo der Südeuropäer die Hupe schon zu Tode gedrückt hätte, bleibt der Amerikaner gelassen. Bloß kein Aufsehen erregen oder andere nötigen – vielleicht steckt eine Angst dahinter. So wird man als Fußgänger meist in allen Lebenslagen mit größtmöglichem Warteabstand über die Straße gelassen – keine Klage riskieren, sie könnte das eigene Leben ruinieren. Allgemein wird man überall auf den Straßen über Strafen und Gesetze im Klaren gelassen. So wird die Geschwindigkeit per Radar oder sogar Flugzeug „enforced“ („Einhaltung vollstreckt“), nicht Anschnallen kostet 142$ Strafe (schön runde Summe 😉 ), das illegale Campen 200$ , das Highway zumüllen 1000$. Und wer illegal parkt wird laut Hinweis in jedem Fall abgeschleppt. Überhaupt ist das Parken nicht immer ganz einfach. Zum Beispiel gibt es hier keine Parkscheiben. Wenn also das Parken zeitlich Begrenzt ist (meist Zeiten wie bei uns,1-2h, aber wir haben auch mal 24 [Vierundzwanzig] Minuten gesehen), fährt ein kleines Auto samt Polizist die Straßen ab und markiert die Räder mit Kreide. Schätzungsweise kommt beim nächsten Vorbeifahren das Knöllchen, wenn der Kreidestrich noch an gleicher Stelle ist (vielleicht erklärt das die 24Minuten … Genau so lange dauert vielleicht die Markiererei einmal um den Block herum…). Ein Block bezeichnet hier übrigens den Abschnitt zwischen zwei Straßen. In Reißbrettstädten wie Teile von Chicago ergeben 8 Blöcke eine Meile 😀
Wie anfangs schon beschrieben, sind die U.S.A ein großes Land mit großen Entfernungen. Unser Rekord für eine schnurgerade Straße waren genau 14,5 Meilen, also 23,3km auf der Route 66. Und gerade meint gerade! Ich hätte Tempomat und Lenkrad fixieren und hinten einen Tee trinken können :held:
Und solch lange Straßen müssen natürlich in Schuss gehalten werden. Dementsprechend sind sie gern mal holprig und geflickschustert. Und damit sie nicht vermüllen, werden die Highways zur Adoption freigegeben. Ein jeder kann ein Stück Highway adoptieren und kümmert sich dann um die Müllbeseitigung, inkl. nettem Hinweisschild, welches dann gern als Werbefläche von lokalen Unternehmen genutzt wird.
Wer uns auch fast täglich begegnete war der Schulbus – in der bekannten gelben, länglichen Form. Auch wenn meist keine Kinder drin saßen, ist immer Vorsicht geboten. Entlang der Straßen warnen immer wieder Schilder vor kommenden Schulbus-Stopps. Haltestellen gibt es keine, die Kinder werden einfach rausgelassen, wo sie gerade hinmüssen. Allgemein ist im Schulbereich auch immer Vorsicht geboten. Gern darf man am Highway mit 55mph (=88,5km/h) vorbeirauschen, doch „wenn Kinder anwesend sind“, nur noch 25mph (=40,2km/h) fahren. Einmal wedelte ein Vater an einer Schule ganz aufgeregt mit den Armen, als wir etwas zu schnell angefahren kamen, weil vorher nichts von Schule zu erkennen war.
Ja so sind wir hier gut rumgekommen – mit dem #1 Fortbewegungsmittel. Aber wir haben unterwegs auch viele Fahrradfahrer und Wanderer gesehen, so unsportlich wie man sich den Amerikaner immer vorstellt, scheint er gar nicht zu sein. Nur zur Wanderung hin geht’s halt im Auto 😉
- Drive through – Bankautomat
- Carpool-Lane
- Viel Prosa
- Rechtsabbiegen
- Schnurgerade
- Adopt a Highway







Ölkrise hin oder her, der Amerikaner fährt ja gerne mal einen V8, der ist nur leider auch bei 100 km/h nicht sparsam. Aber ist halt überall das gleiche mit der Pseudo-Umweltpolitik … 🙁
Dem Schwaben wird an jeder Kreuzung ein Schild hingestellt, dass er beim Linksabbiegen den Gegenverkehr beachten muss … auch nicht besser, hä.